Eine Vision wird Realität

„Walden 48” – Die Geschichte eines besonderen Bauwerks

Gefühlt kenne ich Susanne Scharabi schon seit ewigen Zeiten.

Tatsächlich lernte ich sie auf dem Holzbau-Forum 2012 in Köln kennen. Eine Berliner Architektin (sie), die sich dem Holzbau verschrieben hatte, berichtete in einem Vortrag über ihr Projekt WOHNEN AN DER BARNIMKANTE Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Holz-Mischbauweise in Berlin Prenzlauer Berg, Fehrbelliner Straße. Ein Grünschnabel (ich), der sich 2007 dem Brandschutz im Holzbau verschrieben hatte, lauschte andächtig im Publikum. Nach ihrem Vortrag wagte ich es, sie anzusprechen und ihr von meiner Mission zu berichten.

Visit Susann und Farid Scharabi Architekten
Walden 48_brandschutz plus eberl-pacan brandschutzplaner_Perspektive aussen_Quelle Scharabi Raupach Architekten, Rendering Manufaktur
"Walden 48“ mit seinen sechs Geschossen, einer Fahrradtiefgarage, Gemeinschaftsflächen und insgesamt 5.500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche besteht aus Massivholzwänden mit Holzbeton-Verbunddecken. (Quelle: Scharabi | Raupach Architekten, Rendering Manufaktur)

Holz Holz Holz für „Walden 48”

Von Beginn an wollten wir so viel Holz wie möglich wagen.

Ich erinnere mich noch gut an das bass erstaunte Gesicht des Statikers bei einer ersten Planungsbesprechung: Während die Architekten von Treppenhaus- und Aufzugswänden aus Holz schwärmten, die er vielleicht zu Aussteifungszwecken gerne aus Stahlbeton gebaut hätte, lehnte er sich in der Gewissheit, dass ich als Brandschützer den Architekten diese Flausen schon austreiben würde, bequem zurück, bevor er mit seinem Konzept zum Tragwerk an der Reihe wäre. Unser – damals noch ungewöhnliches – Brandschutzkonzept für „Walden 48” Brandschutzkonzept basierte auf drei wichtigen Säulen:

Abbrand

Die erste Säule war eine Brandschutzbetrachtung zum Thema Holz, die mich schon lange umtrieb: Bauteile (z.B. Wände und Decken) für Gebäude der Gebäudeklasse (GK) 5 müssen feuerbeständig (90 Minuten Feuerwiderstand) sein. Das ist ohne jegliche Abstriche bei der Sicherheit dieser Bauteile auch möglich, wenn sie aus Holz hergestellt sind. Warum müssen dann an den Baustoff Holz höhere Anforderungen gestellt werden als an andere Baustoffe? Das konnte uns keiner wirklich erklären. Vom „Beitrag, den ein Bauteil zur Brandlast leistet“, war die Rede oder von der Möglichkeit, dass Bauteile aus nichtbrennbaren Bauteilen auch über 90 Minuten hinaus, standsicher sein können.

Das hatte mich nicht überzeugt. Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema „Brandschutz für Holzbauten“ seit etwa 2007 war ich zu der Auffassung gelangt, dass der Feuerwiderstand für Bauteile aus allen Baustoffen 90 Minuten betragen müsste und nicht für solche aus Holz plötzlich 100 oder gar 120 Minuten, nur weil die Bauteile aus anderen Baustoffen ggf. einen längeren Feuerwiderstand bieten oder weil sie nicht brennen.

90 Minuten sind 90 Minuten. Basta. F 90-B – feuerbeständig (auch) aus brennbaren Baustoffen, das war damals mein Credo und bei “Walden 48” wollte ich es kompromisslos umsetzen.

Maisonettewohnung Walden 48 (Rendering: Scharabi | Raupach Architekten)
Maisonettewohnung Walden 48 (Rendering: Scharabi | Raupach Architekten)

Sicherheitstreppenraum “light”

Säule zwei war ein Sicherheitstreppenhaus mit Rauchspüllüftung („Sicherheitstreppenraum light“), der damals heiß diskutiert und in eigen Fällen eingesetzt wurde, in denen aus verschiedenen Gründen – meist fehlende Anleitermöglichkeiten der Feuerwehr – der zweite Rettungsweg fehlte.

Im Projekt „Walden 48“ dienen drei „Sicherheitstreppenräume light“ dazu, kleine, einseitig zum Garten ausgerichtete Wohnungen ab dem 3. OG entfluchten zu können. Sie verfügen ansonsten über keinen 2. Rettungsweg (Anleiterhöhe > 8m). In Verbindung mit feuerhemmenden und rauchdichten Wohnungseingangstüren ergab sich die Möglichkeit, sichtbare Holzoberflächen bzw. -untersichten der Treppenläufe und -podeste zuzulassen

Zusätzlich gaben uns diese Sicherheitstreppenräume, in Verbindung mit feuerhemmenden und rauchdichten Wohnungseingangstüren, die Möglichkeit sichtbare Holzoberflächen, entweder für die Wände oder für die Treppen, zuzulassen. Aus verschiedenen Gründen haben sich die Architekten für die Holztreppen entschieden, sodass in dem Gebäude vorgefertigte Treppenläufe und -podeste aus sichtbarem Holz eingebaut werden.

Bauprodukte im Holzbau

Die dritte Säule war eine intensive Beschäftigung mit dem Thema: „Einsatz von Bauprodukten im Holzbau“.

Viele der wichtigen Bauprodukte für den Brandschutz, wie Abschottungen oder Brandschutzklappen, hatten Verwendbarkeitsnachweise für typische feuerbeständige Bauteile aus nichtbrennbaren Baustoffen. Für den Einbau in unsere „feuerbeständigen“ Bauteile aus Holz waren sie allerdings nicht zugelassen. Selbst so einfache Bauteile wie nichttragende Außenwände konnten zur Stolperfalle werden, nur weil sie aus Holz hergestellt wurden.

„Walden 48” Fazit

Holz ist ein High-Tech Baumaterial, das nach Jahren der Abstinenz eine Renaissace erlebt. Seine Materialeigenschaften und die umfassenden Möglichkeiten zur Vorfertigung ermöglichen ökologisches und nachhaltiges Bauen mit viel Potential zur Einsparung von CO2 ebenso wie eine schnelle Bauausführung. Dazu müssen alle Teile frühzeitg so geplant werden, das sie später optimal ineinandergreifen.

Die zeitgemäße Verwendung unter den Bedinungen der aktuellen Bauvorschriften insbesondere zum Brandschutz erfordert innovative Ansätze und komplexe Lösungen besonders bei der Planung bis in Detail. Dafür wird bereits in ersten Planungsschritten zusätzlicher Aufwand und vor allem Zeit benötigt.

Wehe dem, der diese nicht frühzeitig in seiner Termin- und Zeitplanung berücksichtigt. Durch Standardisierung der Ausführungsdetails und neue Planungsmethoden wie Building Integrated Modelling (BIM) kann der Holzbau jedoch auch hier bereits mit anderen Bauweisen mithalten.