Weniger graue Energie, dafür mehr Ressourceneffizienz

Brandschutz muss grüner werden. Aber was für Möglichkeiten gibt es, und wie kann man diese umzusetzen? Spannende Leuchtturmprojekte zeigen Wege auf, die richtungsweisend sein können.

Was ist graue Energie?

Graue Energie bezeichnet nicht nur die Energie, die für die Produktion der Bauteile notwendig ist, sondern es alle Schritte bis hin zum Abbruch des Gebäudes werden hier berücksichtigt.

Miteinbezogen sind alle Phasen bis zur Fertigstellung (inklusive Maschineneinsatz), Lagerung und wieder Auslieferung eines Produktes bis hin zur Entsorgung oder möglicher Wiederverwendung.

Gebäude als CO²-Speicher

Im Holz wird klimawirksames CO² über die Nutzungsdauer gespeichert. Nur der dieser Baustoff  kann Kohlenstoff also CO² einlagern. Diesen Vorgang nennt man auch Kohlenstoffsenke, ein natürliches Reservoir, das vorübergehend Kohlenstoff aufnimmt und speichert.

1 Kubikmeter verbautes Holz speichert 1 Tonne CO². Ein anderer Vergleich: 1 Kilogramm Holz, speichert 2 Kilogramm CO². Betrachtet man 1 Kilogramm Beton, werden hier 0,2 kg CO² verbraucht.

Gebäude als CO²-Speicher von Reinhard Eberl-Pacan.
Gebäude als CO²-Speicher von Reinhard Eberl-Pacan.
Jahresemissionsmenge nach Klimaschutzgesetz von Reinhard Eberl-Pacan.
Jahresemissionsmenge nach Klimaschutzgesetz von Reinhard Eberl-Pacan.

Wie sieht es aktuell aus?

Klimaneutral können Gebäude nach Einschätzung der „Architects for Future“ (A4F) nur dann werden, wenn Neubau kreislauffähig, der Gebäudebestand revitalisiert und mit den Ressourcen „Fläche“ und „Material“ wertschätzender umgegangen wird.

Der Bausektor ist aktuell für 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Im Juni 2021 hat der Deutsche Bundestag stärkere Klimaschutzziele beschlossen. Das Ziel ist, bis 2045 klimaneutral zu sein und nicht mehr CO² auszustoßen, als wieder über Wälder oder andere Wege absorbiert werden kann. Bis 2030 sollen dafür insgesamt 65 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen eingespart werden.

Brandschutz muss grüner werden!

Der Wald ist die einzige Co²-Vernichtungsmaschine weltweit. Die nachhaltige Nutzung von Holzressourcen als Ersatz für nicht erneuerbare, kohlenstoffintensive Materialien ist zukunftsfähig. So setzt das Land Baden-Württemberg mit der Holzbau-Offensive gezielt auf das Planen und Bauen mit Holz auch im öffentlichen Raum. So wird bei der Planung von Landesgebäuden immer erst geprüft, ob es in Holzbau durchführbar ist. Heimische Ressourcen und Fachkräfte kommen bei der Holzbau-Offensive ebenso zu Einsatz, wie neue Herangehensweisen. Der Rohstoff Holz als wachsende Ressource kann helfen die Klimaschutzziele zu erreichen.

Was können wir schon konkret umsetzen?

Es empfiehlt sich schon in einer frühen Planungsphase einen Brandschutzexperten miteinbeziehen. So kann ein nachhaltiges Projekt mit einer guten Planung und Blick auf den Brandschutz realisiert oder angepasst werden. Ein bisschen Mut gehört dazu, um neue Wege und Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. So hat zum Beispiel die Firma Alnatura in Darmstadt das größte Bürogebäude mit einer Außenfassade aus Lehm verwirklicht.

In Berlin Friedrichshain entstanden 40 Wohneinheiten nach Plänen der Arbeitsgemeinschaft Scharabi Architekten und Anne Raupach. Walden 48, wurde komplett in Holzbau verwirklicht. Die nachhaltigen Gebäude wurden mit besonderen Wohnungstypologien errichtet. Die Wohninsel in energieeffizienter holzbauweise und anspruchsvoller Architektur besticht mit Ihrem durchdachten Konzept.

Der Gedanke, ein Bau so zu errichten, dass er später wieder rückstandslos zurückzubauen ist und sich die Teile wiederverwenden lassen, rückt immer mehr in den Fokus der Architekten. Damit ist das Gebäude beim Abriss „grüner“ als ein vergleichbares Bauwerk aus Beton.

Ein Beispiel hierfür ist das Projekt: Daberkow. Ein leimfreier Holzbau ohne Dämmung. Im Projekt Daberkow wurden die Außenwände aus Massivholz errichtet. Das hat mehrere Vorteile. Obwohl ein hoher Energiestandard erreicht wird, bedarf es keiner Dämmstoffe. Ein Kubikmeter Holz speichert in seinem Leben eine Tonne CO², dadurch wird das Gebäude zum CO²-Speicher. Während die 36 cm dicke Holzwand im Sommer einen hervorragenden Hitzeschutz bietet, hält sie im Winter die Luftfeuchtigkeit und somit die Qualität des Raumklimas hoch.

Projekt: Daberkow von ehrlichgut Reeg & Dufour GbR Goethestrasse 2-3 Aufgang B 10623 Berlin
Projekt: Daberkow von ehrlichgut Reeg & Dufour GbR Goethestrasse 2-3 Aufgang B 10623 Berlin

Brandschutz mit nachwachsenden Materialien

Holz ist aus ökologischer Sicht als Baustoff grüner als beispielsweise Beton oder Stahl. Aber bei höheren Gebäudeklassen gibt es noch starke Einschränkungen bei der Verwendung. Da weder Stahlbeton- noch Stahl- oder Mauerwerksbau einer eigenen Richtlinie bedürfen, stellt sich grundsätzlich die Frage, warum ausgerechnet für den Holzbau eine ausführliche 20-seitige Richtlinie erforderlich ist.

Materialien wie Stahlbeton für Rettungswege oder Gipsbaustoffe als Bekleidungen für Holzbauteile konterkarieren die Bemühungen von Architekten oder Ingenieuren anderer Bauphysikthemen, die das Bauen ressourcenschonenden und nachhaltiger machen wollen. Statt in die „Hardware“ feuerbeständiger Gebäude zu investieren, wäre es wesentlich smarter „Software“ für früheste Branderkennung und Brandbekämpfung in Echtzeit zu nutzen.

Hohe Brandschutzanforderungen an Gebäude machen Bauen in Deutschland teuer und zur Ressourcenschleuder. Andere Länder erreichen mit geringeren Anforderungen bessere Ergebnisse. So beträgt für Normalbauten der geforderte Feuerwiderstand in der Schweiz max. 60 Minuten und brennbare Baustoffe sind durchgehend zulässig. Dabei sterben im Vergleich zu Deutschland 40 % weniger Eidgenossen an den Folgen von Feuer oder Rauch.

Best-practice-Beispiele wie das „Walden 48“ in Berlin setzen auf sichtbare Holzkonstruktionen, welche die positiven Eigenschaften des Holzes erlebbar machen, das Bauen mit Holz vereinfachen, Kosten und Ressourcen reduzieren und damit einen Beitrag zur Klimaneutralität des Gebäudesektors leisten.

staffelgeschoss-walden-48. Bild von Reinhard Eberl-Pacan.
staffelgeschoss-walden-48. Bild von Reinhard Eberl-Pacan.

Fazit von Reinhard Eberl-Pacan

Sowohl der Trend als auch der Handlungsbedarf in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit hat sich im letzten Jahrzehnt zunehmend verschärft. Für beide Themengebiete bietet der Holzbau hervorragende Voraussetzungen. Ähnlich wie Beton und Stahl zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Lösung anstehender Bauaufgaben beitrugen und andere traditionelle Bauarten zunehmend ablösten, ist es nun wiederum der Holzbau, mit dessen Renaissance wir die vor uns liegenden Herausforderungen effektiv und dauerhaft bewältigen können. Durch die bereits durchgeführten und vorgesehenen Änderungen in bestimmten Bundesländern, die den Holzbau baurechtlich fördern sollen, ist eine breite Tür aufgestoßen worden. Wer sie durchschreitet und mit Holz in den GK 4 oder 5 bauen will, hat als Pionier jedoch immer noch einen einsamen und dornigen Weg vor sich, bis er trotz aller Hemmnisse und Schwierigkeiten zum Ziel gelangen kann.